AMC 203-1 Kunstwesen

Release am 30. September 2022
auf Acoustic Motion Concepts
www.amc-records.com

30€

Vinyl-LP
20-seitiges Booklet mit Prints der Kunstwerke

Kunstkatalog mit Musik? Jazzalbum? Inklusives Sozialprojekt? Das Album Kunstwesen ist all das – und noch mehr. Der Kölner Saxophonist Moritz von Kleist schreibt acht Stücke, die nicht nur guter Jazz sind, sondern im Austausch stehen mit je einem Kunstwerk aus der Lebenshilfe Aachen. In der dortigen Kunstwerkstatt Werkstätten & Service GmbH arbeiten Menschen mit Beeinträchtigung in einem Atelier mit großer Hingabe im ganzen Spektrum der bildenden Kunst. Von Kleist zeigt sich in der Rückschau tief beeindruckt: „Es war unglaublich, wie viel Produktivität ich in der Kunstwerkstatt vorgefunden habe, und wie konstruktiv sich die Künstler*innen untereinander Rückmeldung gegeben haben“.

Die improvisatorische Freiheit des Jazz geht auf dem Album Kunstwesen Hand in Hand mit der Freiheit zeitgenössischer Kunstschaffenden, die aus einer Vielzahl von Formaten und Techniken schöpfen können. Ton für Ton, Strich für Strich entsteht ein Gesamtkunstwerk, das von gegenseitiger Einfühlung, hohem künstlerischem Anspruch und viel Improvisation geprägt ist. Das Ergebnis ist eine bewegende, assoziative Reise durch die Gedankenwelt der Künstler*innen. Die Art und Weise der Albumveröffentlichung möchte augenscheinlich das kooperative Projekt aus Musik und Kunst aufs Höchste würdigen. Das große Format einer Plattenhülle schafft Raum für die visuellen Eindrücke, die mit der Musik in Dialog treten. Jedem Kunstwerk ist im eingehefteten Booklet eine Doppelseite und ein assoziativer Text von Julius Tambornino gewidmet, sodass man sich gerne im Blättern, Schauen und Hören vertieft:

Das Album beginnt mit Erinnerungen des Krieges prägnant in Wort und Bild. Kornett (Ryan Carniaux) und Saxophon (Moritz von Kleist) durchschneiden unisono die Luft, die Tuschezeichnung von Annika Sachtleben zeigt harte Kontraste von schwarz und weiß. Die Besonderheit der Bandbesetzung von Tonwerkstatt ist, dass bewusst auf ein reines Harmonieinstrument verzichtet wird. Dies schafft Platz im Frequenzspektrum, der durch Melodien und deren Raumklang gefüllt werden kann. Auch Sachtleben lässt viel Weißraum um ihre surreale Zeichnung, sie verbindet bedrohlich anmutende Wesen mit vorwiegend metallenen Alltagsgegenständen. Der Begleittext greift feinfühlig die kriegerische Weltlage auf und beschreibt Erinnerung als unverzichtbaren Anker der Gegenwart, ohne den keine Entwicklung möglich ist.

Die Großstadt bei Nacht ist ein geordnetes Chaos. Ein deftiger Swing gibt die nötige Struktur, über die von Kleist die Individualität eines Großstädters improvisiert. Bunte Farben ziehen wie in der Arbeit von Elisabeth Paulus am Hörenden vorbei, bevor wir mit Tambornino „zur Seite treten“ und im Schutz einer Hofeinfahrt dem Bassolo (Reza Aksari) und schließlich einem Schlagzeugsolo (Nils Tegen) lauschen. Letzteres zeigt, dass auch die Stadt letztlich aus dem Grundrauschen vieler an sich übersichtlicher Tätigkeiten besteht. Ebenso verhalten beginnt das Familienfest – kontraintuitiv, stellt man sich doch vielleicht eine ausgelassene Feier vor. Doch Familie ist auch immer ein Ort von Ambivalenz, Vergleichbarkeit, Regression und dem Versuch, sich Gehör zu verschaffen. So sucht sich das schwebende Unisonothema seinen Weg durch das Gewirr des Rhythmusduos und mündet in eine dissonante Kollektivimprovisation.

Im Kontrast dazu klingt der Einkaufsbummel erhebend, der Booklettext würdigt den klassischen Einzelhandel als vermisstes Freiheitsgefühl in der Funktionalität des Onlineshoppings. Als „einen Gang mit nur ungefährer Zielsetzung“ schlägt Tambornino eine Brücke zur Kunst und Musik als „Domänen der Ziellosigkeit“. So muss auch Lars Otten vor einem weißen Papier gesessen haben, bevor er mit Fineliner die ersten zarten Striche setzte. Einige tausend Striche später sind die Konturen von drei Kunstwesen entstanden, die je nach Betrachtungsweise mal vergnügt und mal gehetzt wirken.

Insekt beginnt mit klaren Assoziationen. Nils Tegen lässt mit Schlüsselbundrasseln eine Textur entstehen, die aus der Drahtskulptur von Gertrud Grotenklas tönen könnte. Besenflattern begleitet die Rubatomelodie von Saxophon, Kornett und gestrichenem Kontrabass, unbeirrt schweben die Musiker über die flimmernde Schlagzeugtextur. Das Stück behält seine vibrierende Stimmung bei, verlangsamt sich jedoch am Ende und lässt an das kurze aber aufregende Leben einer Eintagsfliege denken.

Die B-Seite der Platte beginnt mit einem Ruf aus der Studioregie: „Still rolling!!“. Dann beginnt das rhythmische Tauziehen von Schriftkreise, wobei die Akteure mal an einem Strang ziehen und sich mal wie feindselig gegenüberstehen. Von Kleist improvisiert virtuos-wild, man sieht Tosh Maurer förmlich Kreise auf die Leinwand wischen. Carniaux beruhigt die Szenerie und führt mit lyrisch-weichem Ton in eine tiefere Kreisebene.
Jürgen Kirschbaum lässt die Acrylfarbe bei seinem Werk Feuerball sowohl von oben nach unten als auch von unten nach oben laufen. Und so wirkt das melancholische Saxophonsolo zu Beginn wie die Acryltränen des Bildes, die die „Vergänglichkeit des Materiellen“ beweinen. Plötzlich ändert das Stück seine Energie, behält aber den melancholischen Grundton – man hört förmlich, wie sich die Farbe entgegen der Schwerkraft einen Weg nach oben bahnt. Die Bewegungen geben sich gegenseitig Schwung und entladen sich in einem dramatischen Schlussthema.

Ich reise ins Ausland zeigt das Coverbild des Albums, eine faszinierende Mischtechnik von Lisa Goller, die zwei Personen mit sehr unterschiedlicher Kleidung und Blickrichtung zeigt. Das Holz des Untergrunds scheint durch die Farbe durch, dasselbe Material schwingt bei der mehrstimmigen Bassintro klanglich mit. Von Kleist tritt nicht in die Falle von orientalistischer Zitatmusik, sondern widmet sich klanglich eher den Prozessen von Staunen, Neugier und Überraschung, die beim Reisen eine wichtige Rolle spielen. Sein Solo lässt viele Eindrücke zu, während das anschließende Kornettsolo reflektierenden Charakter hat, beide zeigen welch interessante Musik über einem gleichbleibenden Ostinato entstehen kann. Askari und Tegen geben eine disziplinierte Grundierung, die Dynamiken aufgreift und kommentiert. Das trillernde, flimmernde Outro markiert das Ende eines Albums, das man ebenfalls getrost als eine Reise bezeichnen kann.

Oben: Booklet Beispiel „Schriftkreise“ / Unten: Booklet Beispiel „Familienfest“


Credits:

Moritz von Kleist – Saxophon, Komposition
Ryan Carniaux – Kornett
Reza Askari – Kontrabass
Nils Tegen – Schlagzeug

Luis Weiß – Pressetext

Das Projekt Kunstwesen ist eine Kooperation der Tonwerkstatt, Köln und der Kunstwerkstatt der Lebenshilfe, Aachen

Aufgenommen am 19. und 20. Mai 2021 von Clemens Orth im Salon de Jazz, Köln

Gemischt am 04. August 2021 von Clemens Orth im Salon de Jazz, Köln

Gemastert am 07. und 14. Dezember 2021 von Patrick Leuchter im hidden track studio, Köln

Alle Titel veröffentlicht von Acoustic Motion Concepts (amc), Köln (www.amc-records.com)

Originalbilder von Sürejja Durovska, Lisa Goller, Gertrud Grotenklas, Jürgen Kirschbaum, Tosh Maurer, Lars Otten, Elisabeth Paulus und Annika Sachtleben — Künstler der Kunstwerkstatt Aachen (www.kunstwerkstatt.ac) — Ein Projekt der Lebenshilfe Aachen Werkstätten & Service gmbh, Aachen (werkstatt-ac.de)

Texte von Julius Tambornino und Andreas Kruse

Gestaltung von »herr kruse visuelle kommunikation«, Aachen (www.herr-kruse.de)

© 2022 Acoustic Motion Concepts (amc), Köln

Tracklisting:

1Die Erinnerung des Krieges00:04:52
2Großstadt bei Nacht00:04:55
3Familienfest00:03:38
4Der Einkaufsbummel00:03:26
5Insekt00:02:20
6Schriftkreise00:05:00
7Feuerball00:06:50
8Ich reise ins Ausland00:07:35

Gesamt-Spielzeit: 38:36

Kontakt:

Label: Acoustic Motion Concepts (AMC)
http://www.amc-records.com
mail@amc-records.com

Artist: Moritz von Kleist
http://www.moritzvonkleist.com
mail@moritzvonkleist.com


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