Schäfer

AMC 801-2 Mosaik 127

Release am 12. November 2021
auf Acoustic Motion Concepts
www.amc-records.com

17€

Audio CD (Digipac)
12-seitiges Leporellobooklet

Schäfer ist das Soloprojekt des Kölner Musikers Lukas Schäfer. Vom Schlagzeug kommend, befasste er sich zunehmend mit elektronischen Klangerzeugern und modularer Synthese. Einen Modularsynthesizer zu beherrschen ist bekanntlich eine Wissenschaft für sich, eine Arbeit, in die sich Schäfer während der pandemischen Stagnation des Jahres 2020 vertiefte. Er präsentiert mit Mosaik 127 ein Ambientalbum, das durch sinnliche Dynamik, kontrastreiche Tiefe und künstlerische Eigenständigkeit überzeugt.

Assoziationsketten und Gedankenspiele bilden dabei das konzeptuelle Fundament. Es ist ein Mosaik, in dem jeder Teil bedeutsam ist und das seinen Ursprung im Kölner Kirchraum Johannes XXIII. in der Berrenrather Straße 127 hat. Die brutalistische Kirche kann man getrost als begehbare Skulptur bezeichnen. Ein riesiger kubisch-verästelter Betonbaum entfaltet sich in ihrer Mitte und wird von Sichtbetonmauern sowie Buntglaswänden begrenzt. Hier hallten die Kompositionen von Mosaik 127 das erste Mal von den Wänden, auf ihre große Akustik hin hat Schäfer sie konzipiert. Hier wurde dem Musiker klar, dass Ambient ein wichtiger Teil seines künstlerischen Schaffens werden wird. Wenig später gründete er mit acht anderen Kölner Musiker*innen das Sono Kollektiv für Ambient und Raummusik, das sich fortan mit stilistischen Grenzgängen vorzugsweise in brutalistischer Architektur bewegt.

Eine viertönige Dampfwalze aus dem Nichts: So beginnt Mosaik 127 mit dem Track Valentine. Der Titel ist eine Referenz zur irisch-britischen Shoegazingband my bloody valentine, die sich durch dichte Gitarrenwände und den exzessiven Einsatz von elektronischen Effektgeräten auszeichnet. Diesen „Wall of Sound“ überträgt Schäfer auf sein Modularsetup und schiebt eine breite, pulsierende Akkordprogression aus dem Filter. Die Distortiontexturen und Filterartefakte lassen sich als eine sonor-filigrane Entdeckungsreise erleben.

Ins abklingende Brutzeln und Rauschen des Filters mischen sich einzelne labiale Klänge. Ein Residenzprogramm der Katholischen Hochschulgemeinde Köln (KHG) in den Bergen hoch über Bozen gaben diesem Stück seinen Namen: Bolzano. Schäfer lernte die KHG, zu der auch die Kirche Johannes XXIII. gehört, als Kulturstätte kennen, in der insbesondere Künstler*innen radikales Vertrauen entgegengebracht wurde. Der Konflikt um die liberale Haltung der Studierendengemeinde bildet einen gesellschaftlichen Mosaikstein in der Entstehung des Albums. Dies ist noch Zukunftsmusik, wenn Schäfer seinen Blick über das Etschtal schweifen lässt. Wie Wolken bilden sich Akkorde; eine noch in alle Richtungen offene Klangstudie, bei der man jedem Ton nachhören will. Erst spät steigen melancholische Töne aus dem tiefen Tal und deuten Bolzano als introvertiertes Abendlied um.

Still beginnt mit einem aktivierenden, ikonischen Arpeggio. Es versinnbildlicht einen intensiven, zeitlosen Moment. Ausarrangiert wie ein Song mit einem epischen Refrain, steigert sich Still immer weiter, nimmt Anlauf über Breaks, schreitet mit klickender Kickdrum im Kreis, verweilt, verwischt. Während der Moment noch nachklingt, flackern vor dem inneren Auge weiter kreisende Bewegungen, tanzende Körper und zuckende Lichter auf.

Eine Klangskizze für ein Hörspiel liegt Bielefeld zugrunde, die bei einer Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Juliana Kálnay entstand. Kálnay hatte im Auftrag des Literaturbüros OWL eine assoziative Annäherung an die ostwestfälische Stadt geschrieben. Ausgearbeitet und um ein Interlude erweitert, schwebt Schäfers Musik förmlich in der Mittagshitze eines Jahrhundertsommers über die Straßen und Plätze Bielefelds. Eine monofone Synthesizerstimme evoziert die Illusion einer Melodie, es bleibt bei einer kurzen Andeutung, ein Ausbruch aus träger Ziellosigkeit.

Geheimnisvoll-vibrierend kommt Somerset daher. Was wie ein schwedischer Feiertag klingt, ist tatsächlich der Name einer Grafschaft im Südwesten Englands. Verregnete Landschaft, viel Zeit und viele Schafe kennzeichneten den jugendlichen Familienurlaub Schäfers dort. Somerset ist ein flirrender Soundtrack für dahinfließende Tage, die stets kurz vor einem Großereignis zu sein scheinen. Denn plötzlich wird Spannung aufgebaut, die schließlich in einen pumpenden Refrain kippt. Hier zeigt Schäfer sein Sounddesigntalent. Eine einzige Synthesizerstimme steht im Fokus, ist Bass und Melodie zugleich. Dahinter eine vielstimmige elektronische Wand wie ein Regenschleier, der am Ende surreal die Richtung wechselt und gen Himmel steigt.

Hohe, holzvertäfelte Studioräume, Jahrzehntealte akustische Instrumente und Vintage Recordingequipment: Das ist das natürliche Habitat des Berliner Musikers Nils Frahm. Inspiriert von seiner Arbeit zwischen Neoklassik, Filmmusik und Ambient schrieb Schäfer das Stück 1 for N.F.. Charakterstarke, analoge Synthesizerklänge, gepaart mit dem kultigen Roland Space Echo sind das Besteck für diesen letzten Track. Tastend bahnen sich die Töne an und verschaffen sich dann Platz, ein musikalischer Darwinismus im besten Sinne. Langsame Ein- und Ausschwingzeiten und das subtile Leiern des Bandechos geben dem Stück die Anmutung einer Tai Chi Übung. Das Album endet nicht im Wohlklang, sondern mit einer Sekundreibung. Gewagt und treffsicher baut Schäfer Spannung auf für sein nächstes Album. Ein gelungener musikalischer Cliffhanger.

Mosaik 127 ist ein Konzeptalbum, dessen Mosaiksteine sich zusammenfügen wie die bunten Fenster der Kirche Johannes XXIII. Dies wird auch im Artwork des Albums deutlich, das eine eigene Ebene des Gesamtkunstwerks Mosaik 127 ausmacht. Die farbige Üppigkeit der Fensterglascollagen und die graue Brutalität der Betonelemente bilden einen Kontrast, der sich auch musikalisch in den wechselnden Klanglichkeiten wiederfinden lässt. Das Digipac mit Recyclingtray und 12-seitigem Leporellobooklet, das sich aus zwei Arbeiten des Collagekünstlers Örn Ingi Unnsteinsson zusammensetzt, schafft einen großzügigen haptischen Mehrwert, der einer wachsenden Zielgruppe von Analogfans buchstäblich in die Hände spielt.

Credits:

Lukas Schäfer – Komposition, Synthesizer, Recording, Mixing

Patrick Leuchter – Mastering im Hidden Track Studio Köln

Örn Ingi Unnsteinsson – Artwork

Karl-F. Degenhardt – Künstlerfoto

Luis Weiß – Pressetext

Mit einem Ausschnitt aus der Lecture Performance „Das Privileg hier zu sein“ von Ella O’Brien-Coker.

Gefördert durch das Kulturamt der Stadt Köln.

Dieses Projekt unterstützt den Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide in der Nähe der Produktionsstätte als CO2-Ausgleich.

Tracklisting:

1Valentine00:04:39
2Bolzano00:05:57
3Still00:04:26
4Bielefeld00:03:48
5Somerset00:05:56
61 for N.F.00:07:11

Gesamt-Spielzeit: 32:01

Kontakt:

Label: Acoustic Motion Concepts (AMC)
http://www.amc-records.com
mail@amc-records.com

Artist: Lukas Schäfer alias Schäfer
http://www.lukas-schaefer.com
info@lukas-schaefer.com


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